Vor Ostern kam dieser Artikel raus: “Osterfrisur für Dreads”(Link). Ein einfacher Bauernzopf, den man nach Belieben schmücken kann. Als ich gebeten wurde, doch auch mal ein Special über Dreadfrisuren für Männer zu machen, dachte ich mir “Na klar! Liegt ja auf der Hand”. Dann kam ich aber ins Stutzen. Hatte ich vorher denn nur Frisuren für Frauen vorgestellt? Und was unterscheidet eine Dreadfrisur für Männer von einer Dreadfrisur für Frauen? Zeit, um in die Tiefen des Begriffes “Gender” einzutauchen. Und na klar, am Ende gibt es natürlich eine Frisur für alle Geschlechter.

Der Kampf der Geschlechter

Eine Osterfrisur für Dreads ist prinzipiell nichts anderes als eine Frisur für Dreads zu Weihnachten. Die Dekoration ist natürlich anders: statt Christbaumkugeln kann man sich Ostereier in die Haare hängen oder eben verschiedene Bänder mit Mustern. Aber spannender als die Frage, welche Frisur nun an welchem Anlass geeignet wäre, ist die nach dem Kopf, der sie trägt. Eine Dreadfrisur für Männer soll sich von der Frisur für Frauen mit Dreads unterscheiden. Mein erster Impuls, ganz stereotyp und sexistisch: klar, die Dreadfrisur für Männer muss irgendwie härter sein, maskulin eben, Stärke ausstrahlen, vielleicht statt Christbaumkugeln die ganze Tanne! Männlich eben. Und für Frauen halt irgendwas mit…Schleifchen. Glitzer? Irgendwie zarter, gerne aufwendiger, weil Frauen ja mehr Zeit dafür aufwenden.

Mein zweiter Impuls dazu ist: was genau war denn jetzt nochmal “männlich” und “weiblich”? Im Kampf der Geschlechter können die einen besser einparken, die anderen besser heulen. Wir sehen im Ring in der einen Ecke die Frau, die nicht selbstbewusst, sondern zickig oder “bossy” ist, in der anderen Ecke den Mann, der nicht “sensible” ist sondern eine “Pussy” (was ich schon immer unlogisch fand, wenn man bedenkt, wie fragil so ein Hodensack ist im Gegensatz zu einer kinderaufdieweltbringende Pussy. Aber das nur am Rande). Aber es ist eben ein “Ring”, deswegen gibt es eben auch mehr als nur zwei Geschlechter. Und Gender ohnehin.

1001 Gender

Während “Sex” oder “Geschlecht” die körperlichen Merkmale beschreibt, bedeutet “Gender” die eigene Wahrnehmung der sozialen Rolle in der Gesellschaft. Gender passt hier also besser, da es erstmal nicht darum geht, was jemand in der Hose trägt. Oder doch?

In diesem Jahr wird endlich das dritte Geschlecht in Deutschland anerkannt. Das bedeutet, dass Menschen, die sich nicht klar weiblich oder männlich definieren als “diverse” eingetragen werden. Diverse inkludiert nun aber jede Menge individueller Menschen. Es gibt beispielsweise Männer(Gender), die aufgrund ihrer Geschlechtsteile (Sex) ihre Periode haben und Frauen (Gender), die eine Erektion bekommen. Dann gibt es Menschen, die einen Tag als Frau und den anderen als Mann leben, unabhängig von ihrem Geschlecht, also eine binäre Genderidentität leben. Andere hingegen leben “genderfluid”. Solltest du jetzt für dich denken “Hä? Voll kompliziert. Wer braucht denn sowas?! Pimmel = Mann, Titten = Frau!”, hast du das “Glück”, diese unterschiedlichen Bezeichnungen nicht zu benötigen, um deine Identität zu definieren. Anders hingegen eben die Menschen, die sich nicht klar einordnen können. Mittlerweile weiß man, dass das keine Störung oder Krankheit ist, sondern die wunderbare Vielfalt der Identitäten. Und wir haben es geschafft, dass es in Deutschland endlich eine Offenheit gibt, die es Menschen erlaubt, ihr Gender selbst zu definieren und auszuleben. Und ihre Sexualität. Anders beispielsweise in Brunei. Da kann gleichgeschlechtliche Liebe mit dem Tod durch Steinigung bestraft werden. Es gibt Teile auf dieser Erde, da werden Menschen mit einem anderen Geschlecht als “männlich” oder “weiblich” als Bedrohung gesehen und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder bestraft.

Glitzer oder kein Glitzer ist hier die Frage

Es gibt also Menschen, die mit dem Stereotyp fließend umgehen und das gesamte Spektrum der Identitäten leben. Und andere fühlen sich ganz klar einem Geschlecht und Gender zugeordnet. Etwas banales wie eine Frisur kann dabei dann entweder einschränkend sein, wenn man sich nicht traut, über diese Stereotypen hinwegzugehen oder aber befreiend, wenn man sich erlaubt die Frisur “des anderen Geschlechts” zu tragen. Für was auch immer du dich entscheidest ist vor allem deine Sache. Dein Kopf, deine Dreads, deine Frisur. Ob du Schleifen, ganze Äste, die Regenbogenflagge oder gar nichts in deinen Dreads tragen möchtest hat niemand zu kommentieren. Ebenso wenig, wenn du voll auf Stereotypen stehst. Das ist ja das Feine an der ganzen Sache: wenn man anderen neue Rechte zuspricht bedeutet das nicht, das anderen etwas weggenommen wird. (Ich schreibe das so deutlich, da es mir scheint, dass das in Deutschland und sonst wo auf der Welt momentan nicht jeder so gut auf den Pinn kriegt. Und wenn du jetzt gar vor Wut schäumst und über den “Genderwahnsinn” fast deine Bockwurst quer im Halse stecken hast, dann gehörst du leider zu diesen hohlen Fritten… Aber das ist Evolution, Baby!).

Der Shiva-Bun: eine Frisur für Männer, Frauen und Diverse…

Nun also zu der versprochenen Frisur. Der sogenannte “Shiva-Bun”. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob die Frisur wirklich so heißt, aber ich nenne sie so. Sie sieht nämlich so aus wie das, was der Hinduistische Gott Shiva auf dem Kopf trägt.

Dazu machst du folgendes:

  1. nimm so viel Deckhaar von den Seiten und der Mitte deines Kopfes, dass du etwa eine Hand voll Dreads hast
  2. drehe sie um die eigene Achse, bis du einen Knödel hast
  3. stecke das lose Ende mit in den Knödel
  4. befeste den Knödel (Bun) mit einem Gummiband
  5. voila.

Ich kenne Männer, Frauen und Menschen mitohne klarer Entscheidung ihres Geschlechtes, die diese Frisur gerne tragen. Mich eingeschlossen. Nun würde mich aber interessieren: was ist eure liebste Frisur mitohne Kategorie? Schickt mir ein Foto an judith{at}dreadfactory.de!